In diesem Jahr ist neben vielen Wörtern mit -gate auch ein Suffix (eine „Nachsilbe“) nominiert, das sich die Blogs [ʃplɔk] und */ˈdɪːkæf/ heute genauer ansehen. Sie diskutieren dabei die Geschichte, Ausbreitung und aktuelle Häufigkeit, und kommen zu leicht unterschiedlichen Einschätzungen bezüglich der Tauglichkeit des Affixes für den Anglizismus 2011. Im [ʃplɔk] plädiert Kristin für eine Disqualifikation wegen eines mangelnden Produktivitätsanstiegs im letzten Jahr, während Susanne von */ˈdɪːkæf/ das Suffix klar im Kommen sieht (nicht zuletzt wegen der vielen „-gates“ der Berliner Piraten) und vor allem den Bedeutungswandel vom ernsthaften Skandalsuffix zum Kantinenwitz hervorhebt.
Kategorie-Archiv: Wortkandidaten
Welches -gate nimmst du?
Heute bloggen Kristin und ich zeitgleich zum Kandidaten -gate. So ein Parallelpost haben wir uns schon im letzten Jahr gegönnt: wir wissen also bis 22 Uhr nicht, welche Überlegungen die andere angestellt hat, wo sie gesucht hat und zu welchem Ergebnis sie kommt. Reizvoll.
Nun denn: Zum ersten Mal in der traditionsreichen Geschichte der Wahl zum Anglizismus des Jahres ist ein Affix nominiert bzw. hat die erste Runde überstanden: -gate. Die Nominierung, genauer gesagt eigentlich die Entlehnung eines gebundenen Derivationsmorphems an sich, ist deshalb ein bisschen erstaunlich, weil in den allermeisten Fällen ungebundene, also freie lexikalische Einheiten entlehnt werden. Es sind also besoders Nomen und Verben, die Sprachen mit Vorliebe aufnehmen; mit ein klein bisschen Abstand folgen Adjektive – und ganz selten in der Entlehnungshierarchie stehen Einheiten, die sich eher am grammatischen Ende unseres Wortschatzes befinden. Weiterlesen
Cloud
Das Lexikographieblog befasst sich — wie schon im letzten Jahr — mit dem Kandidatenwort Cloud. Kann es im zweiten Anlauf gewinnen?
Als die Cloud wird, wie schon im vergangenen Jahr, ein großflächiges Computernetzwerk verstanden (manche sagen auch einfach: das Internet), in dem Dienste „erledigt“ werden, für die früher der eigene, lokale Rechner herhalten musste. Zu diesen Diensten gehören etwa die „reine“ Datenspeicherung (etwa Online-Backups) und die Datenverwaltung, webbasierte E-Mail-Angebote (wie web.de, Hotmail oder Google-Mail) und andere webbasierte Dienste wie Datenbanken, Blogsysteme, Text- und Bildbearbeitung u.v.a.m., bei denen Software und Prozessorleistung nicht vom eigenen Computer, sondern von im Netzwerk, der Cloud, eingebundenen Servern zur Verfügung gestellt werden.
Cyberkrieg/Cyberwar
Im Sprachlog geht es heute um zwei scheinbar schon zu alte Wortkandidaten:
Cyberkrieg/Cyberwar ist eine sinnvolle Ergänzung der deutschen Sprache – Cyber ist überhaupt ganz allgemein ein schönes Präfix, das an vielen Stellen nützlich sein kann. Seine Entstehungsgeschichte zeigt übrigens, dass Einzelpersonen — wie hier William Gibson — tatsächlich einen Einfluss auf die Entwicklung von Sprache nehmen können.
Tatsächlich finden sich sowohl Cyberwar als auch Cyberkrieg schon seit Mitte der 1990er Jahre in deutschsprachigen Büchern und Zeitungen. Allerdings führen die Wörter danach viele Jahre ein Nischendasein und haben erst in den letzten Jahren einen deutlichen Häufigkeitsanstieg erfahren.
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adden
Im [ʃplɔk] wird heute das erste Verb des diesjährigen Wettbewerbs diskutiert:
adden ist eine Großtante von frienden, auch hier geht es darum, jemanden im Internet zu einer Kontaktliste hinzuzufügen, sodass man mit dieser Person kommunizieren kann. Basis ist das englische to add‘hinzufügen’, vom lateinischen addere. (Auf letzteres geht natürlich auch das deutsche addieren zurück, das aber in seiner Bedeutung auf die Mathematik begrenzt ist.)
Der Nominator nennt als prototypische Verwendungskontexte Skype, ICQ und Steam (ja, kannte ich auch nicht). Hinzu kommt die eng verwandte Nutzung für das Hinzufügen von Computerspielcharakteren, wie es z.B. in einem Kommentar im Szenesprachwiki und im Eintrag Computerspieler-Jargon bei Wikipedia erklärt wird.
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Masterand
Nominiert wurde Masterand von Leser/in kww:
Ich möchte das Wort “Masterand” vorschlagen. Es ist natürlich eine Analogiebildung zu Diplomand, d.h. es bezeichnet jemanden, der an seiner Masterarbeit arbeitet.
Mir ist dieses Wort in diesem Jahr zum ersten Mal und bisher nur in mündlicher Form untergekommen. Nach der Umstellung von den Diplomstudiengängen zu Bachelor/Master-Studiengängen taucht diese Sorte Menschen jetzt zum ersten Mal auf (zumindest in meiner Umgebung). Google zeigt, dass es auch schriftlich vorkommt, vor allem in Stellenanzeigen und da meistens in der Kombination “Diplomand/Masterand”.
Begeben wir uns auf Exkursion und beginnen ein wenig früher. Weiterlesen
Shitstorm
Die Kandidaten für die Wahl zum Anglizismus des Jahres stehen fest – und werden von den Jurymitgliedern in den nächsten Wochen in Blogs und Foren diskutiert werden. Ich mache bei mir den kurzen Auftakt mit Shitstorm. Dieser Kandidat ist bereits zum zweiten Mal nach 2010 nominiert, wo er es in die Endrunde schaffte (war wenig aussichtsreich). Ich diskutierte Shitstorm bereits letztes Jahr in diesem Beitrag.
In die engere Auswahl schaffte es der Begriff also auch 2011. Shitstorm ist in einer schnellen Googlesuche 2011 etwa doppelt so häufig wie 2010. Grund genug, mal zurück und voraus zu blicken. Außerdem wenden wir uns der Frage zu, ob Shitstorm ein sogenannter Scheinanglizismus ist – das gehört auf den ersten Blick nicht hierher, aber irgendwie halt doch. Weiterlesen
Occupy
Im Sprachlog wird heute der nächste Kandidat für den Anglizismus des Jahres 2011 diskutiert:
Die American Dialect Society hat vor ein paar Tagen das amerikanische „Word of the Year“ bekannt gegeben: occupy (als Verb und als Substantiv). Damit hat nach dem deutschen Wort des Jahres Stresstest schon das zweite der für den Anglizismus des Jahres nominierte Wort diese Auszeichnung erhalten — ein Zeichen dafür, dass unsere Kandidatenliste so schlecht nicht sein kann.
[...]
In Bezug auf Occupy lässt sich zunächst feststellen, dass das Wort nur mit seiner neuen Bedeutung „Protest bzw. Wiedererlangen von Kontrolle durch massenhafte und andauernde Anwesenheit“ ins Deutsche entlehnt worden ist. Das liegt natürlich daran, dass das Wort eben im Kontext der Occupy-Bewegung entlehnt wurde.
Barcamp
Im Lexikographieblog wird heute der erste Kandidat für den Anglizismus des Jahres 2011 diskutiert:
Barcamp ist ein Kompositum, bestehend aus den Konstituenten Bar und Camp. Das Wort Camp, seinerseits ein Anglizismus, ist im Deutschen nicht selten, in den Texten des DeReKo lassen sich fast 3000 unterschiedliche Camps mit Zigtausenden von Einzelbelegen ermitteln, vom ABC-Camp über dasDiabetescamp, Kindernationalparkcamp, Max-Planck-Forschercamp und Resozialisierungscamp bis hin zum Zucht-und-Ordnung-Camp. Schon 1974 heißt es beispielsweise: „Rinus Michels gewährte seinen Stars nach elf Tagen Dauerstreß im Trainingscamp über Pfingsten Freizeit“ (Die Welt, 04.06.1974, via COSMAS). Auch allgemeinsprachliche Wörterbücher wie Duden oder Wahrig führen das Camp auf. Als Kompositum hat Barcamp die gleichen grammatischen Eigenschaften wie das Grundwort Camp, insbesondere das Genus Neutrum und die Genitiv-Singular- und die Pluralbildung auf -s.
Die Kandidaten für den Anglizismus des Jahres 2011
Mit angehaltenem Atem wartet die Welt auf die Bekanntgabe der Wörter, die es in die zweite Runde der Wahl zum Anglizismus des Jahres geschafft haben, und da es ungesund ist, zu lange den Atem anzuhalten und da wir wahrhaftig wichtigere Probleme haben als einen lexophil bedingten Sauerstoffmangel, will ich die Welt nicht länger warten lassen und präsentiere hiermit die Nominierungen, die die Vorauswahl der strengsten Wörterwahljury Deutschlands überlebt haben.
Um das zwangsläufig folgende Kopfschütteln und die Empörung in Grenzen zu halten, zwei Vorbemerkungen. Erstens, dass ein Wort in die zweite Runde kommt, bedeutet noch nicht unbedingt, dass es sich auch tatsächlich endgültig qualifiziert hat. Es bedeutet zunächst nur, dass die Jury dies mehrheitlich für möglich hält. Die Wörter werden in den nächsten Wochen in den Blogs der Jurymitglieder genauer überprüft und können dort natürlich auch diskutiert werden. Dabei scheidet sicher noch der eine oder andere Wortkandidat aus. Zweitens, ein Wort zählt im Rahmen dieses Wettbewerbs als „neu“, wenn es im Jahr 2011 erstmals in den Sprachgebrauch einer breiteren Öffentlichkeit gelangt ist, bzw. dort einen deutlichen Häufigkeitsanstieg verzeichnet. Das Wort kann in sprachlichen Subkulturen also durchaus älter sein, ohne sich deshalb gleich zu disqualifizieren.
Klar für die zweite Runde qualifiziert haben sich nach unseren Vorberatungen (in alphabetischer Reihenfolge) die folgenden Wörter:
adden, Barcamp, Bromance, circlen, Cloud, Euro-Bonds, Hacktivism, Haircut (im Sinne von „Abschläge vom Wert von Kreditsicherheiten“), Liquid Democracy, Masterand, Occupist, Occupy (inkl. Occupy-Bewegung), Partnering, Post-Privacy, screenshotten, Scripted Reality, Shitstorm, Stresstest und Tablet.
Wie sich schon während des Nominierungsprozesses abzeichnete, stammen die Wörter überwiegend aus drei Bereichen: Finanzen, Netz- und Informationstechnologie und Netzkultur. Das dürfte zum einen daran liegen, dass die Nominierungen online gesammelt wurden und so zwangsläufig nur von Internetnutzern stammen, für die Netztechnologie und -kultur besonders präsent sind, es liegt aber zum anderen natürlich daran, dass die gesellschaftliche und technologische Innovation in diesen Bereichen besonders hoch ist und deshalb dort besonders viele neue Wörter gebraucht werden. Anders als die Anglizismenjäger gerne behaupten, werden Lehnwörter ja nicht verwendet, um weltläufig anzugeben oder sich dem amerikanischen Imperialismus unterzuordnen, sondern um lexikalische Lücken zu füllen.
Wie gesagt, all diese Wörter stehen vorläufig noch unter Bewährung und sicher werden es nicht alle auf die Shortlist schaffen. Zusätzlich haben es aber fünf Nominierungen in die zweite Runde geschafft, die unter besonders scharfer Beobachtung stehen, nämlich das Suffix -gate und die Substantive Bubble Tea, Contentfarm, Cyberkrieg/Cyberwar und Mem/Meme.
Bei -gate war sich die Jury mehrheitlich einig, dass es viel zu alt ist, aber ein Jurymitglied ist der überzeugend vertetenen Meinung, dass es erst in jüngerer Zeit wirklich produktiv geworden sei. Wenn sich das in den nächsten Wochen belegen lässt, kann dieses Suffix es vielleicht doch noch auf die Shortlist schaffen. Auch Contentfarm, Cyberkrieg/Cyberwar und Mem/Meme scheinen auf den ersten Blick zu alt zu sein, aber sie alle zeigen einen deutlichen Häufigkeitsanstieg in 2011, sodass es durchaus möglich ist, dass sie bisher vor allem in bestimmten Sparten verwendet wurden und nun in den allgemeinen Sprachgebrauch vordringen. Keins der Wörter steht übrigens bislang im Duden — was mich bei Mem und Cyberkrieg besonders wundert, aber die eben geäußerte Spekulation stützen könnte. Bubble Tea ist dagegen möglicherweise zu neu, es ist insgesamt noch sehr selten und wir werden prüfen müssen, ob es tatsächlich schon als Lehnwort gelten kann.
Schließlich sollen noch drei Wörter erwähnt werden, die sich nicht qualifizieren konnten, die aber nicht ohne lobende Erwähnung ausscheiden sollen: Copy & Paste, Nerd und Rating. Alle drei sind im allgemeinen Sprachgebrauch bereits deutlich zu alt für den Anglizismus des Jahres 2011, aber alle drei haben im öffentlichen Diskurs des letzten Jahres eine herausragende Rolle gespielt. Das Jahr 2011 begann als Jahr der falschen Doktor/innen („Copy und Paste“), ging weiter als Jahr der durch Privatunternehmen mit durchschaubaren Interessen („Rating“-Agenturen) ausgelöste Staatspleiten und wurde durch die großen Erfolge der Piratenpartei in der Berliner Wahl und den bundesweiten Meinungsumfragen zum Jahr der (tatsächlichen oder angeblichen) „Nerds“. Wenn wir die Gesellschaft für deutsche Sprache wären und ein „Wort des Jahres“ suchten — die drei Wörter wären für uns allemal heißere Kandidaten als das schwäbisch-wutbürgerliche Stresstest.
Aber wir suchen kein Wort des Jahres, sondern den Anglizismus des Jahres, also ein englisches Lehnwort, das im Jahr 2011 nicht den öffentlichen Diskurs, sondern die deutsche Sprache besonders bereichert hat. Welches Wort wird das sein?
Die nächsten Wochen werden es zeigen!
